Alarmstufe Stress – Die akustische Visitenkarte des Raumes

Großraumbüro, der „Hotspot“ des Lärms?

Nichts bietet mehr Stoff für Komik, Dramen und Hochgefühle als die Liebe. Was dann noch übrig bleibt, ist das Leben drum herum – unter anderem auch der Arbeitsalltag mit seinen zahlreichen Facetten, zu denen leider auch eine unerwünschte, störende Erscheinung namens Lärm gehört.
Dieser nervige „Geräuschkollege in Dauerschleife“ stresst so ziemlich alle und dies nicht nur im Großraumbüro. Dabei ist es nicht die als subjektiv empfundene Lautstärke, sondern eher jene unangenehme Nachhallzeit.
Die nämlich sagt aus, wie lange Schall in einem Raum wahrnehmbar ist. Grund genug, dass sich die Akustik-Experten von ProCom-Bestmann einmal mit der akustischen Visitenkarte des Raumes auseinandersetzen.
Der Gretchenfrage Berechnung oder Messung von Nachhallzeiten kommt dabei besondere Bedeutung zu. Darüber zu informieren, aufzuklären ist weit mehr als nur dieser Artikel, es kommt vielmehr einer „Mission“ gleich. Den Königsweg aufzuzeigen ist schier unmöglich, braucht es aber auch nicht.
Tauchen Sie mit ein in diese Welt wie in ein altes Familienalbum und erfahren, wie man dieses „dunkle Radau-Geflecht“ aus psychischer Erkrankung, Unproduktivität nebst mangelnder Konzentration erfolgreich entwirrt. Jene kombinierte Bedrohung aus ansteigender Geräuschkulisse und schwindender Sprachverständlichkeit ist die mit Abstand größte Misere in modernen Bürowelten.
Verstärkt wird dieses Szenario noch dadurch, dass sogenannte Open-Space-Areale mit schallharten Glas- und Betonflächen ausgestattet sind. Optisch zwar zeitgemäß gestaltet, akustisch jedoch selten nutzerorientiert.

Übersetzt in Tacheles heißt dies nichts anderes als: Lärm verdrängt mehr als 1.000 (wichtige) Worte

Wenn man in einem Raum ein Geräusch erzeugt, wird dies von harten Flächen wie z.B. dem Boden, der Decke, den Wänden, Fenstern oder Tischen solange reflektiert (sprich: zurückgeworfen), bis es abgeklungen ist. Die Summe dieser Schallreflexionen nennt man Nachhall. Ein aussagekräftiges Akustik-Kriterium schlechthin ist die Nachhallzeit, jener Koeffizient einer oft als „Raketenwissenschaft“ beschriebenen Welt des Schalls.
Keine Sorge, alles halb so wild. Aber „wild“ geht es schon zu, denn in Umgebungen mit langem Nachhall ist die Verständigung schwierig, man spricht automatisch lauter. Folglich steigt der Lärmpegel – alle Beteiligten reden dadurch noch . . . ? Sie ahnen es schon.
Diesen geräuschvollen Vorgang nennt man Lombard-Effekt. Es folgen begleitend zum Thema zwei Sätze, die Sie eventuell irgendwann (augenzwinkernd) auf den Quiz-Thron Raumakustik katapultieren:

Je lauter ein Geräusch, desto länger der Nachhall. Je länger der Nachhall, desto größer der Lärmpegel

Gut zu wissen, dass man jenem entgegenwirken kann, vor allen Dingen sogar muss.
Diese beruhigende Tatsache führt uns zur nächsten Überlegung.
Reicht eine solide Akustik-Berechnung aus oder marschiert man sofort ohne Umwege schnurstracks zur Messung? Was ist zu beachten? Achtung, Spoileralarm. Ich sprüh’s auf jede Häuserwand, beste „Method“ im ganzen Akustik-Land – die wird nun genannt.
Antwort: Beide! Damit haben Sie nicht gerechnet, oder?

Berechnung als auch Messung, das hat die Praxis immer wieder gezeigt, sind ausgezeichnete, verlässliche Kenngrößen der Akustik mit Blickrichtung auf Nachhallzeiten und die benötigte Absorptionsfläche. Beide Verfahren erfassen die entlegensten Winkel – lassen somit dem Wüterich Nachhall nicht den Hauch einer Chance. Das entscheidende Attribut ist, dass die Herangehensweise durch versierte Experten durchgeführt wird, verbunden mit Handlungs- sowie Entscheidungsempfehlung.

Beratung vor Ort ist das Maß aller Dinge, hier trennt sich spätestens jetzt die Spreu vom Weizen

Eine Begutachtung in puncto Beschaffenheit der Räume versteht sich von selbst.
Was findet man vor? Massiv- oder Leichtbauweise? Wie sieht es mit der Fußbodenart aus? Holz, Laminat, Parkett, Kork oder wie so häufig, Beton? Die Berücksichtigung von Gas-, Wasser-, Heizungs- und Elektro-Installation ist ein absolutes Muss.
Einbeziehung von Menschen, deren Bedürfnisse und Arbeitsabläufe, oftmals nicht weiter beachtet, gehören natürlich dazu, denn um die Mitarbeiter*innen, die im gesprochenen Wort nun einmal die akustische Hauptrolle spielen, geht es ja letztendlich. All diese Punkte sowie individuelle Vorstellungen des Kunden gilt es, sorgfältig zu beachten, zu überprüfen, zu lösen.
So sollte es aussehen, das erste Treffen beim Auftraggeber, alles andere erscheint eher „nebulös“.

„Haben wir immer schon so gemacht“, funktioniert raumakustisch ganz und gar nicht

Der kompetente Akustik-Experte wendet sich mit Grausen, wenn er im farbenprächtigen, weltweiten Netz von der neuen App „Akustik Gipskarton Reloaded mit Absorber-Upgrade 4.0“ liest. Nachdem das Nonplusultra der Sinnlosigkeit erreicht und sich der Blutdruck des Autors wieder halbwegs normalisiert hat, nehmen wir beide Methoden einmal genauer unter die Lupe. Völlig zu Unrecht wird eine Akustik-Berechnung oft auch als Formel: „Pi mal Fensterkreuz“ verspottet. Mumpitz obendrein, liebe Leserschaft.
Eine fachmännisch durchgeführte Berechnung ist, gleichwohl wie die Messung, eindeutig und signifikant, speziell im normalen Frequenzbereich (1.000 Hertz) der menschlichen Sprache.
Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob der zu berechnende Raum eine Größe von 20 oder 100 qm und mehr aufweist. Bedeutsame Voraussetzung bei der Berechnung, selbst im laufenden Betrieb ist allerdings, dass dem geschulten, erfahrenen Auge des Experten bei der Begutachtung des Raumes nichts verborgen bleibt.
Zuerst werden Wände, Decken, Böden, Fenster, Türen und andere Oberflächen vermessen, die Daten dem entsprechenden Baumaterial zugeordnet, anschließend in eine Tabelle eingetragen und mit Hilfe der genialen Formel nach dem amerikanischen Physiker Wallace C. Sabine (1868-1919) berechnet, somit schlussendlich die Nachhallzeit ermittelt. Diese Formel ist bis heute unverändert – tagtäglich im Einsatz.

Berechnung oder Messung

Die Behauptung: Berechnung kann man glauben, muss man aber nicht, ist ebenso irrelevant wie die Meinung: Nur eine Messung gilt als sicher. Der klassische Normalfall Flächen und Volumina – wunderbare Paradebeispiele in der täglichen Praxis. Obacht, nun ist es an der Zeit, einen Spannungsbogen aufzubauen: Wenn jedoch anstelle der beliebten rechteckigen Bauweise (Schuhkarton-Prinzip) nun T- oder L-förmige Architektur auftaucht oder sich sogar noch die U-Form dazugesellt, dann kommt in den meisten dieser Fälle aufgrund der Komplexität die Messung zum Einsatz, da hier der keinesfalls zu unterschätzende Faktor Geometrie eine elementare Rolle spielt, und, zwingend notwendig, zu berücksichtigen ist.
Bei der Berechnung führt dies häufig zu einer Pauschalisierung, die sich dann unter Umständen schnell zur Stolperfalle hinsichtlich raumakustischer Kalkulationen entwickelt. Für manche so was in der Art von heiliger Gral zur gezielten Optimierung der Raumakustik in Bezug auf Nachhallzeit ist eine sachkundig durchgeführte Messung, mit technisch exzellentem Equipment (nein, nein und nochmals nein, nicht die mit „Absorber-Upgrade 4.0“).
Spezielle Lautsprecher, welche mit synthetischen Signalen den gesamten hörbaren Frequenzbereich abdecken, gehören heute selbstverständlich zur Ausrüstung. Messungen, die früher durch Händeklatschen oder mit Schreckschusspistolen als auch platzenden Luftballons erarbeitet wurden, sind mittlerweile zum Glück Geschichte bzw. verlieren mehr und mehr an Bedeutung.

RT60 trifft auf platzende Luftballons

Die Messvariante RT60 in Verbindung mit der Nachhallzeit nach DIN 18041 (Hörsamkeit in Räumen) gilt als akustischer Gradmesser. Apropos Räume: Bei einer Messung muss der Raum leer sein, findet also nicht im laufendem Betrieb statt. Ein Experte plant das bei seinen Überlegungen mit ein und stimmt einen Termin mit dem Kunden ab. Das Kürzel RT stammt aus dem Englischen, steht für Reverberation Time (auf gut Deutsch: Nachhallzeit). Die Definition der frequenzabhängigen Nachhallzeit bemisst die Dauer, während der das Geräusch um 60 dB (Dezibel) abklingt, nachdem es abrupt beendet wurde. Protokollmessdaten und die dadurch gewonnenen akustischen Erkenntnisse bilden eine verlässliche, präzise Grundlage.
Für das Unternehmen hat die Messung zudem den Vorteil, dass der gesamte Prozess schriftlich fixiert wird und man somit den Nachweis über alle Maßnahmen besitzt, Dokumentationspflicht heißt hier das Stichwort.
Wichtig, um Irritationen zu vermeiden: Auch bei einer Berechnung halten Sie einen Beleg in den Händen. Nach der Installation wird die neue Akustik wiederum an allen relevanten Positionen vermessen, anschließend mit den Erstdaten in den direkten Vergleich gestellt.

Fazit:
Beide Praktiken, Berechnung und Messung, zeichnen sich als absolut verlässliche Garanten aus. Damit dieses ambitionierte Ziel auch tatsächlich realisiert wird, erfordert es stets eine individuelle Herangehensweise. Sowohl geschultes Fachwissen als auch Erfahrung komplettieren das Projekt, an dessen Ende nichts anderes als Wohlfühlatmosphäre steht. Es mag melodramatisch klingen, aber auch Kreativität, ja selbst Poesie gehören dazu. Der beliebte Allzeitspruch „das haben wir immer schon so gemacht“ funktioniert raumakustisch gar nicht. Das ist auch gut so!

 

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Der Artikel wurde im Fachmagazin LÄRMBEKÄMPFUNG veröffentlicht.

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Lärmbekämpfung ist die einzige deutschsprachige Zeitschrift für das gesamte Gebiet der Akustik, des Schallschutzes und der Schwingungstechnik und damit ein aufmerksamkeitsstarker Werbeträger. Sie versteht sich als interdisziplinärer Fachtitel für die Lärmwirkungsforschung, aber auch für wissenschaftliche und praxisbezogene Originalbeiträge über technische Möglichkeiten zur Lärm- und Schwingungsminderung.